Partner finden nach 30: Warum die Partnersuche schwieriger wird

7–10 Minuten

Mit 22 reichte ein Abend in der falschen Bar, um jemanden kennenzulernen, der einem noch drei Wochen später durch den Kopf ging.

Über die Uni, über Freunde, auf einer Geburtstagsfeier, die man eigentlich gar nicht besuchen wollte, tauchten ständig neue Gesichter auf, ohne dass man sich groß darum bemühen musste.

Man verabredete sich, ohne es Dating zu nennen, und wenn es nicht passte, kam eben die nächste Gelegenheit von ganz allein.

Dann kommt irgendwann die 30, und auf einmal ist da: nichts.

Kein Zufall mehr, der einen mit jemandem zusammenbringt.

Kein automatisches Umfeld, das ständig neue Menschen liefert.

Dabei ist es paradox, wenn man genauer hinschaut.

Oft kennt man sich selbst besser als mit 22, weiß klarer, was einem guttut und welche Kompromisse man nicht mehr eingehen möchte.

Warum wird es ausgerechnet dann schwerer, jemanden zu finden, der zu einem passt, wenn man selbst endlich weiß, wer man ist?

Was ich bei meinen Freunden beobachte

In meinem Freundeskreis fällt mir seit einiger Zeit ein Muster auf, das bei Frauen anders aussieht als bei Männern, wobei beides menschlich nachvollziehbar ist.

Eine Freundin, die vor Jahren mit einem emotional nicht verfügbaren Mann zusammen war, erkennt heute innerhalb weniger Wochen, wenn jemand Neues ähnliche Signale zeigt.

Früher hätte sie noch abgewartet, gehofft, sich Ausreden zurechtgelegt.

Heute sagt sie schneller: „Das kenne ich schon“, und zieht sich zurück, manchmal noch bevor sich überhaupt etwas Ernstes entwickeln konnte.

Das ist auf den ersten Blick ein Fortschritt, keine Frage.

Erfahrung kann schließlich davor schützen, dieselben Fehler immer wieder zu machen.

Gleichzeitig frage ich mich, ob sie manchmal zu schnell ein altes Muster erkennt, bevor sie den neuen Menschen überhaupt richtig kennengelernt hat.

Ein Warnsignal von damals und eine harmlose Eigenart von heute sehen sich manchmal zum Verwechseln ähnlich.

Bei einigen meiner männlichen Freunde beobachte ich etwas anderes.

Ein Teil hängt, ohne es offen zuzugeben, noch an einer früheren Beziehung, vergleicht neue Frauen unbewusst mit der Ex oder sucht eigentlich weniger die Person selbst als das vertraute Gefühl von damals zurück.

Andere wünschen sich wirklich eine Partnerin, fast verkrampft, bewegen sich aber kaum in Situationen, in denen ihnen tatsächlich neue Frauen begegnen könnten.

Sie gehen mit denselben zwei Freunden ins selbe Restaurant, verbringen die Abende zu Hause oder am Handy und wundern sich dann, dass niemand Neues auftaucht.

Clemens und die Kunst, immer einen Grund zu finden

Mein Freund Clemens ist dafür ein gutes Beispiel.

Er sagt oft, wie sehr er sich eine feste Beziehung wünscht, und meint das vermutlich auch ernst.

Sobald er jedoch jemanden kennenlernt, findet er erstaunlich zuverlässig einen Grund, warum es am Ende doch nicht passt.

Bei der einen stimmt etwas an ihrer Art nicht.

Bei der nächsten fehlt eine bestimmte Eigenschaft.

Eine andere ist ihm zu ruhig, zu kompliziert, zu unabhängig, zu irgendetwas.

Nach einigen dieser Geschichten drängt sich ein Gedanke auf.

Vielleicht sucht Clemens nicht nur eine Partnerin, sondern parallel dazu auch einen Grund, warum es gerade jetzt noch nicht klappen kann.

Das soll keine Diagnose sein, sondern eine Beobachtung, die sich durch die Wiederholung selbst erklärt.

Bei Clemens frage ich mich deshalb manchmal, ob dieses schnelle Aussortieren auch eine Schutzfunktion hat.

Wer früh einen Grund findet, warum es nicht passen kann, muss schließlich nie herausfinden, was passieren würde, wenn er sich wirklich auf jemanden einlässt.

Was die Psychologie dazu sagt

Diese persönlichen Beobachtungen lassen sich mit psychologischer Forschung verbinden, wenn auch vorsichtiger, als es in vielen Ratgebertexten geschieht.

Ein Teil des Problems liegt möglicherweise schlicht im veränderten sozialen Umfeld.

Kunal Bhattacharya und seine Kollegen analysierten für eine 2016 in Royal Society Open Science veröffentlichte Studie Telefondaten von rund 3,2 Millionen Menschen.

Dabei zeigte sich, dass jüngere Erwachsene im Durchschnitt mehr Kontakte hatten und die Zahl der telefonischen Kontakte mit zunehmendem Alter zurückging.

Das beweist natürlich nicht, dass ab 30 plötzlich niemand Neues mehr in unser Leben tritt.

Es passt aber zu einer Erfahrung, die viele kennen: Die sozialen Kreise werden stabiler, Routinen fester und neue Begegnungen passieren weniger automatisch als noch in Schule, Studium oder den frühen Zwanzigern.

Hinzu kommt, wie Bindungserfahrungen unsere Wahrnehmung von Nähe prägen können.

Hazan und Shaver übertrugen bereits in den Achtzigerjahren die Bindungstheorie auf romantische Beziehungen und zeigten, dass innere Vorstellungen von Nähe, Sicherheit und Zurückweisung auch im Erwachsenenalter eine Rolle spielen können.

Fraley und Davis untersuchten später, wie sich Bindungsfunktionen im jungen Erwachsenenalter von den Eltern auf enge Freunde und romantische Partner verlagern.

Je länger eine solche Beziehung bestand, desto stärker konnten diese Personen zu wichtigen Bindungsfiguren werden.

Auch die schiere Menge an Auswahl beim Online-Dating kann eine Rolle spielen.

Die Psychologinnen Tila Pronk und Jaap Denissen zeigten 2020 in mehreren Studien, dass Menschen beim Online-Dating zunehmend ablehnender werden können, je mehr Profile sie zuvor gesehen haben.

Die Forschenden bezeichneten diesen Effekt als „Rejection Mindset“.

Der Zugang zu scheinbar endlos vielen potenziellen Partnern führt also nicht automatisch dazu, dass wir leichter jemanden auswählen.

Eine weitere Studie von Jonathan D’Angelo und Catalina Toma weist in eine ähnliche Richtung.

Teilnehmer, die aus einer größeren Zahl potenzieller Partner auswählen konnten, waren später teilweise weniger zufrieden mit ihrer Entscheidung und änderten ihre Wahl häufiger als Personen mit weniger Optionen.

Wenn Erfahrung zum Hindernis wird

Der eigentliche Widerspruch liegt genau hier.

Mit 22 ignorierten viele von uns Dinge, die mit 35 niemals mehr akzeptabel wären, und das ist grundsätzlich eine gute Entwicklung.

Erfahrung macht klüger.

Gleichzeitig kann sie vorsichtiger machen, manchmal vorsichtiger, als es der jeweilige Mensch gegenüber überhaupt verdient hätte.

Nach ein paar Enttäuschungen beobachtet man genauer, zieht schneller Vergleiche und erkennt Ähnlichkeiten mit früheren Partnern, noch bevor man den neuen Menschen wirklich kennt.

Die entscheidende Frage lautet dabei nicht, ob man Warnsignale ernst nehmen soll.

Das sollte man immer.

Sie lautet eher: Erkenne ich hier tatsächlich ein Muster, das sich schon einmal schlecht für mich ausgezahlt hat, oder erinnert mich nur eine Kleinigkeit an jemanden aus meiner Vergangenheit, die mit der Person vor mir eigentlich nichts zu tun hat?

Was sich wirklich ändern lässt

Auf platte Ratschläge wie „Liebe dich einfach selbst“ oder „Es passiert, wenn du nicht danach suchst“ verzichte ich hier bewusst.

Konkreter wird es, wenn man bei sich selbst nachfragt, statt sich mit Floskeln zu vertrösten.

Es lohnt sich zu prüfen, ob die eigenen Kriterien echte Werte betreffen oder eher eine perfekte Vorstellung, die kein realer Mensch erfüllen kann.

Bei einem schnellen Nein hilft die Frage, ob dieser Mensch wirklich nicht passt oder ob nur eine alte Erinnerung angesprochen wurde.

Der eigene Alltag verdient ebenfalls einen zweiten Blick.

Wer kaum neue Menschen trifft, kann etwas daran ändern, etwa über Kurse, Sport, Veranstaltungen, gemeinsame Projekte oder neue soziale Kreise, ohne das Ziel, dabei sofort eine Beziehung zu finden.

Neue Bekanntschaften ständig mit einer früheren Partnerschaft zu vergleichen, bringt selten etwas.

Einem Menschen etwas Zeit zu geben, bevor man über Kompatibilität urteilt, kann ebenfalls helfen, sofern es keine echten Warnsignale gibt.

Höhere Ansprüche nach 30 sind dabei kein Makel.

Weniger passende Menschen können schlicht bedeuten, dass die eigene Auswahl bewusster geworden ist.

Dating funktioniert außerdem selten gut, wenn es wie ein Projekt behandelt wird, das bis zu einem bestimmten Zeitpunkt erfolgreich abgeschlossen sein muss.

Diese Verkrampfung kann verändern, wie Begegnungen überhaupt erlebt werden.

Vielleicht gab es mit 22 tatsächlich mehr zufällige Gelegenheiten.

Vielleicht waren wir damals aber auch offener, weniger vorsichtig und hatten weniger feste Vorstellungen davon, wie ein Mensch zu sein hat.

Nach 30 geht es deshalb vielleicht weniger darum, möglichst vielen Menschen zu begegnen.

Es geht darum, einen einzigen davon wirklich kennenzulernen, ohne ihn sofort an der eigenen Vergangenheit, den eigenen Ängsten oder einem Bild von Perfektion zu messen, das ohnehin niemand erfüllen könnte.

Wenn du dich darin wiedererkennst, frag dich:

Treffe ich tatsächlich zu wenige neue Menschen oder lehne ich die Menschen, die ich kennenlerne, sehr schnell wieder ab?

Welche Eigenschaften sind für mich wirklich unverzichtbar und welche gehören eher zu meinem Bild eines perfekten Partners?

Erinnert mich etwas an dieser Person wirklich an eine frühere problematische Beziehung oder nur an eine einzelne Eigenschaft meines Ex-Partners?

Vergleiche ich neue Menschen noch immer mit jemandem aus meiner Vergangenheit?

Gebe ich jemandem genug Zeit, damit überhaupt Nähe entstehen kann?

Bewege ich mich regelmäßig in Situationen, in denen ich neue Menschen kennenlernen kann?

Suche ich wirklich nach einer Beziehung oder mittlerweile auch nach Gründen, warum es mit jemandem nicht funktionieren könnte?

Habe ich Angst davor, erneut verletzt zu werden, obwohl ich mir gleichzeitig Nähe wünsche?

Würde ich einen Menschen ablehnen, weil unsere Werte nicht zusammenpassen, oder weil er meiner Vorstellung vom perfekten Partner nicht entspricht?

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Quellen und weiterführende Forschung

Bhattacharya, K., Ghosh, A., Monsivais, D., Dunbar, R. I. M., & Kaski, K. (2016). Sex differences in social focus across the life cycle in humans. Royal Society Open Science, 3(4), 160097. https://doi.org/10.1098/rsos.160097

Hazan, C., & Shaver, P. R. (1987). Romantic love conceptualized as an attachment process. Journal of Personality and Social Psychology, 52(3), 511–524. https://doi.org/10.1037/0022-3514.52.3.511

Fraley, R. C., & Davis, K. E. (1997). Attachment formation and transfer in young adults‘ close friendships and romantic relationships. Personal Relationships, 4(2), 131–144. https://doi.org/10.1111/j.1475-6811.1997.tb00135.x

Pronk, T. M., & Denissen, J. J. A. (2020). A rejection mind-set: Choice overload in online dating. Social Psychological and Personality Science, 11(3), 388–396. https://doi.org/10.1177/1948550619866189

D’Angelo, J. D., & Toma, C. L. (2017). There are plenty of fish in the sea: The effects of choice overload and reversibility on online daters‘ satisfaction with selected partners. Media Psychology, 20(1), 1–27. https://doi.org/10.1080/15213269.2015.1121827

Hinweis:

Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und persönlichen Einordnung. Psychologische Forschung beschreibt statistische Zusammenhänge und Tendenzen, die nicht auf jede einzelne Person oder Beziehung zutreffen müssen. Bei anhaltendem emotionalem Leid kann professionelle psychologische Unterstützung hilfreich sein.

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