Introvertiert oder extrovertiert? Die 7 häufigsten Irrtümer + Selbsttest

10–14 Minuten

Introvertiert oder extrovertiert? Oft glauben wir erstaunlich schnell zu wissen, zu welcher Gruppe ein Mensch gehört.

Der Kollege, der in der Mittagspause lieber seine Ruhe hat? Introvertiert. Die Freundin, die auf einer Party nach zehn Minuten drei neue Leute kennt? Ganz klar extrovertiert.

Nur funktioniert Persönlichkeit nicht ganz so einfach.

Ein introvertierter Mensch kann selbstbewusst auftreten, gerne diskutieren und vor hundert Menschen sprechen. Gleichzeitig kann jemand extrovertiert sein und trotzdem unsicher werden, wenn er neue Leute kennenlernt.

Viele Eigenschaften, die wir automatisch mit Introversion oder Extraversion verbinden, haben mit etwas ganz anderem zu tun.

Und dann gibt es noch all diejenigen, die sich ohnehin fragen: Bin ich eigentlich introvertiert oder extrovertiert? Denn vielleicht liebst du einen Abend mit Freunden – und bist am nächsten Tag froh, wenn dich einfach niemand anruft.

Bevor wir also mit den bekanntesten Irrtümern aufräumen, sollten wir zuerst klären, was hinter diesen beiden Begriffen tatsächlich steckt.

Introvertiert oder extrovertiert: Was bedeutet das eigentlich?

Introvertiert oder extrovertiert – Frau zwischen Rückzug und Gesellschaft

Der wichtigste Unterschied liegt nicht darin, ob jemand Menschen mag oder gerne spricht.

In der Persönlichkeitspsychologie wird Extraversion vielmehr als Persönlichkeitsdimension betrachtet. Sie gehört beispielsweise zu den sogenannten Big Five, einem der etablierten Modelle zur Beschreibung menschlicher Persönlichkeit.

Menschen mit stärker ausgeprägter Extraversion werden im Durchschnitt eher mit Geselligkeit, Aktivität, Durchsetzungsfähigkeit und der Suche nach sozialen Reizen verbunden. Am anderen Ende dieser Dimension stehen Menschen mit stärker introvertierten Tendenzen, die häufig weniger äußere Stimulation suchen und ruhigere Situationen bevorzugen.

Das bedeutet allerdings nicht, dass sich jeder Mensch sauber in eine von zwei Schubladen stecken lässt.

Introvertiert oder extrovertiert ist kein Entweder-oder.

Viele von uns bewegen sich irgendwo dazwischen. Außerdem kann sich unser Verhalten je nach Situation deutlich unterscheiden: Vielleicht redest du unter deinen engsten Freunden ohne Pause, während du bei einer großen Veranstaltung lieber erst einmal beobachtest.

Genau deshalb verrät die Tatsache, dass jemand auf einer Party still in der Ecke steht, noch lange nicht alles über seine Persönlichkeit.

Und damit sind wir schon beim ersten Irrtum.

1. Introvertierte Menschen sind schüchtern

Kaum ein Vorurteil hält sich so hartnäckig wie dieses: Wer wenig spricht, sich in großen Gruppen eher zurückhält oder nicht gerne im Mittelpunkt steht, ist bestimmt schüchtern.

Dabei sind Introversion und Schüchternheit nicht dasselbe.

Schüchternheit hat viel damit zu tun, wie sicher oder unsicher wir uns in sozialen Situationen fühlen. Ein schüchterner Mensch möchte vielleicht auf jemanden zugehen, traut sich aber nicht oder macht sich Gedanken darüber, wie er auf andere wirkt.

Ein introvertierter Mensch kann dagegen vollkommen selbstbewusst sein – und trotzdem keine Lust darauf haben, den ganzen Abend mit zehn verschiedenen Menschen Smalltalk zu führen.

Diesen Unterschied kenne ich ziemlich gut aus meinem eigenen Leben.

Menschen, die mich nicht näher kennen, halten mich häufig für introvertiert und verbinden das offenbar schnell damit, dass ich zurückhaltend oder sogar schüchtern sein müsste.

Dabei habe ich überhaupt kein Problem damit, meine Meinung zu sagen, vor anderen zu sprechen oder eine Diskussion zu führen. Wer mich gut kennt, weiß wahrscheinlich sogar, dass ich einer Diskussion eher selten aus dem Weg gehe.

Ich habe nur nicht das Bedürfnis, mit jedem Menschen ins Gespräch zu kommen. Nicht jede Gesellschaft liegt mir und manchmal verbringe ich meine Zeit lieber mit wenigen Menschen, bei denen ich mich wirklich wohlfühle.

Das ist für mich ein entscheidender Unterschied.

Nicht zu reden, weil du dich nicht traust, ist etwas anderes, als nicht zu reden, weil du gerade gar kein Bedürfnis danach hast.

Und genau deshalb lässt sich Introversion nicht daran erkennen, wie laut oder still jemand auf den ersten Blick wirkt.

2. Extrovertierte Menschen sind automatisch selbstbewusst

Bei extrovertierten Menschen passiert häufig genau das Gegenteil.

Wer offen auf Fremde zugeht, viel erzählt und sich in einer Gruppe schnell bemerkbar macht, wirkt selbstsicher. Daraus schließen wir leicht, dass diese Person tatsächlich besonders selbstbewusst sein muss.

Doch auch das sind zwei verschiedene Dinge.

Extraversion beschreibt nicht, wie sehr ein Mensch von sich selbst überzeugt ist. Ein extrovertierter Mensch kann gerne Gesellschaft suchen, Gespräche beginnen und viel äußere Anregung brauchen – und trotzdem an sich zweifeln oder Angst davor haben, von anderen abgelehnt zu werden.

Umgekehrt kann ein introvertierter Mensch ausgesprochen selbstsicher sein, ohne das Bedürfnis zu haben, diese Sicherheit ständig nach außen zu zeigen.

Vielleicht liegt genau hier eines unserer größten Probleme, wenn wir entscheiden wollen, ob jemand introvertiert oder extrovertiert ist:

Wir beurteilen oft das Verhalten, das wir gerade sehen.

Aber wir kennen nicht automatisch den Grund dahinter.

3. Introvertierte Menschen mögen keine Gesellschaft

Auch dieser Eindruck entsteht schnell. Wer Einladungen häufiger ablehnt, nach ein paar Stunden nach Hause möchte oder gerne Zeit allein verbringt, gilt schnell als jemand, der mit anderen Menschen nicht besonders viel anfangen kann.

Dabei können introvertierte Menschen Freundschaften, gemeinsame Abende und gute Gespräche genauso genießen.

Der Unterschied liegt häufig eher darin, wie viel soziale Stimulation jemand sucht und wie er bestimmte Situationen erlebt.

Ein Abend mit zwei engen Freunden kann sich völlig anders anfühlen als eine Feier mit fünfzig Menschen. Ein langes Gespräch über ein Thema, das einen wirklich interessiert, ist etwas anderes als drei Stunden Smalltalk mit Menschen, die man kaum kennt.

Deshalb ist auch der bekannte Satz „Introvertierte laden ihre Batterien allein auf, Extrovertierte unter Menschen“ zwar anschaulich, aber als psychologische Erklärung etwas zu simpel.

Persönlichkeit ist komplexer als ein Akku.

Man kann gerne unter Menschen sein und trotzdem irgendwann Ruhe brauchen. Man kann Alleinsein genießen und sich trotzdem nach Nähe sehnen.

Introvertiert zu sein bedeutet nicht, Menschen nicht zu mögen.

Manchmal bedeutet es schlicht, genauer auszuwählen, wie, wo und mit wem man seine Zeit verbringen möchte.

4. Extrovertierte Menschen können nicht allein sein

Das Gegenstück klingt genauso plausibel: Wer viel Gesellschaft braucht, ständig unterwegs ist und leicht Kontakte knüpft, muss doch ein Problem damit haben, allein zu sein.

Auch hier machen wir aus einer Tendenz schnell eine feste Regel.

Ein extrovertierter Mensch kann einen ruhigen Sonntag allein genauso genießen wie jemand, der eher introvertiert ist.

Vielleicht sucht er im Alltag häufiger Gespräche, Unternehmungen und neue Eindrücke – daraus folgt aber nicht, dass Stille oder Alleinsein automatisch unangenehm für ihn sind.

Vor allem verwechseln wir dabei zwei unterschiedliche Dinge:

Allein sein zu können und gerne soziale Kontakte zu suchen, schließen sich nicht gegenseitig aus.

Dasselbe gilt übrigens in die andere Richtung. Nur weil jemand viel Zeit allein verbringt, bedeutet das nicht automatisch, dass er diese Zeit freiwillig gewählt hat oder sich niemals einsam fühlt.

Ob jemand introvertiert oder extrovertiert ist, lässt sich deshalb nicht daran ablesen, wie viele Abende pro Woche im Kalender stehen.

Manchmal ist ein voller Kalender einfach ein voller Kalender.

5. Introvertiert oder extrovertiert – du musst nicht nur eines von beiden sein

Vielleicht hast du dich bis hierhin bei einigen Punkten wiedererkannt und bei anderen überhaupt nicht.

Du liebst es, mit Freunden unterwegs zu sein, brauchst danach aber einen Abend für dich. Du lernst gerne neue Menschen kennen, hast gleichzeitig aber überhaupt kein Problem damit, ein Wochenende allein zu verbringen.

Was bist du dann?

Die Antwort kann ziemlich unspektakulär sein: irgendwo dazwischen.

Introversion und Extraversion werden in der Persönlichkeitspsychologie nicht als zwei vollkommen getrennte Persönlichkeitstypen verstanden. Vielmehr handelt es sich um eine Dimension, auf der Menschen unterschiedlich stark ausgeprägt sein können.

Für Menschen, die Merkmale beider Seiten zeigen, wird im Alltag häufig der Begriff „ambivertiert“ verwendet.

Das erklärt auch, warum Persönlichkeitstests manchmal ein Ergebnis liefern, das sich nicht ganz richtig anfühlt. Ein Mensch muss nicht der stille Einzelgänger oder die lauteste Person im Raum sein.

Vielleicht bist du in vertrauter Gesellschaft ausgesprochen gesellig und bei Fremden zunächst zurückhaltender. Vielleicht genießt du große Veranstaltungen, brauchst sie aber nicht jedes Wochenende.

Die Frage „Bin ich introvertiert oder extrovertiert?“ lässt sich deshalb nicht für jeden mit einem einzigen Wort beantworten.

6. Introvertierte sind die besseren Zuhörer – Extrovertierte die besseren Redner

Auf den ersten Blick klingt auch diese Einteilung logisch.

Der ruhige Mensch hört zu. Der gesellige Mensch spricht.

Nur sagt die Ausprägung von Introversion oder Extraversion allein noch nicht darüber aus, wie gut jemand kommunizieren kann.

Ein introvertierter Mensch kann ein schlechter Zuhörer sein. Ein extrovertierter Mensch kann sehr aufmerksam zuhören und genau merken, wann sein Gegenüber etwas sagen möchte.

Genauso wenig gehört gutes Reden automatisch den Extrovertierten. Wer gerne spricht, ist nicht zwangsläufig gut darin, Gedanken verständlich auszudrücken. Und wer nicht ständig das Wort ergreift, kann trotzdem ein hervorragender Redner sein.

Kommunikation besteht schließlich aus deutlich mehr als der Frage, wie viel jemand spricht.

Vielleicht sollten wir deshalb weniger darauf achten, wer in einer Gruppe am lautesten oder am stillsten ist und mehr darauf, was passiert, wenn diese Person tatsächlich etwas zu sagen hat.

7. Introvertierte Menschen müssen extrovertierter werden

„Du musst einfach mehr aus dir herauskommen.“

Viele eher ruhige Menschen haben diesen Satz vermutlich schon einmal gehört.

Dahinter steckt schnell die Vorstellung, Extroversion sei eine Art Idealzustand: mehr Kontakte, mehr Sichtbarkeit, mehr sprechen, mehr Präsenz.

Natürlich kann es sinnvoll sein, die eigene Komfortzone gelegentlich zu verlassen. Wer Angst davor hat, vor anderen zu sprechen, kann daran arbeiten. Wer sich aus Unsicherheit niemals traut, neue Kontakte zu knüpfen, kann neue Verhaltensweisen lernen.

Aber das ist etwas anderes als die Behauptung, ein introvertierter Mensch müsse seine Persönlichkeit korrigieren.

Nicht jeder muss auf einer Feier zwanzig neue Bekanntschaften machen. Nicht jeder möchte ständig im Mittelpunkt stehen. Und ein ruhiger Mensch hat nicht automatisch ein Problem, das gelöst werden muss.

Dasselbe gilt umgekehrt: Ein extrovertierter Mensch muss nicht lernen, weniger zu reden oder weniger Gesellschaft zu brauchen, nur damit sein Verhalten besser zu irgendeiner Vorstellung vom „richtigen“ Persönlichkeitstyp passt.

Vielleicht ist deshalb die spannendere Frage nicht:

Bin ich introvertiert oder extrovertiert?

Sondern:

In welchen Situationen fühle ich mich wirklich wohl und welche davon kosten mich mehr Energie, als ich zunächst merke?

Was ich über mich selbst dabei verstanden habe

Bei mir war genau diese Unterscheidung wahrscheinlich der interessanteste Teil.

Dass andere mich für introvertiert halten, überrascht mich nicht. Ich suche nicht ständig neue Gesellschaft und habe auch nicht das Bedürfnis, mit jedem Menschen ein Gespräch anzufangen.

Mit Schüchternheit hat das bei mir allerdings wenig zu tun.

Wenn ich etwas sagen möchte, sage ich es. Wenn ich anderer Meinung bin, diskutiere ich – manchmal wahrscheinlich länger, als meinem Gegenüber lieb ist. Und wenn mich ein Mensch oder ein Gespräch wirklich interessiert, kann von Zurückhaltung plötzlich ziemlich wenig übrig bleiben.

Ich habe nur irgendwann gemerkt, dass „Ich traue mich nicht“ und „Ich möchte gerade nicht“ zwei vollkommen unterschiedliche Dinge sind.

Vielleicht ist genau deshalb die Frage, ob wir introvertiert oder extrovertiert sind, gar nicht immer so leicht zu beantworten, wie sie zunächst klingt.

Wie sieht es bei dir aus?

Bist du eher introvertiert oder extrovertiert?

1. Du kommst auf eine Feier, auf der du kaum jemanden kennst. Was passt eher zu dir?

2. Nach einem langen Tag hast du endlich Feierabend. Was klingt besser?

3. Wie fühlst du dich in größeren Gruppen meistens?

4. Ein freies Wochenende ohne Verabredungen steht vor dir. Wie findest du das?

5. Was trifft auf deine Gespräche eher zu?

6. Nach mehreren Stunden mit vielen Menschen …

Wenn dich dieses Thema berührt hat, könnten dir auch dieser Text weiterhelfen:

Hinweis: Introversion und Extraversion sind Persönlichkeitsmerkmale und keine Diagnosen. In der Persönlichkeitspsychologie werden sie nicht als zwei starre Kategorien verstanden – Menschen können unterschiedlich stark ausgeprägte introvertierte oder extrovertierte Tendenzen zeigen. Der Selbstcheck in diesem Artikel dient ausschließlich der Unterhaltung und Selbstreflexion. Er ist kein wissenschaftlich validierter Persönlichkeitstest und erlaubt keine psychologische Diagnose oder professionelle Beurteilung.

Quellen:
American Psychological Association (APA): A Six-Day Unit Lesson Plan for High School Psychology Teachers – Personality.
McCrae, R. R. & John, O. P. (1992): An Introduction to the Five-Factor Model and Its Applications.

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