
Es gibt einen Moment, den ich nicht vergessen kann.
Ich saß einem Mann gegenüber, mit dem ich befreundet war, und er sagte einen Satz, der im Nachhinein viele gemeinsame Momente neu färbte.
Es gab keinen Streit und auch nichts Verletzendes.
Mir wurde einfach in diesem Moment klar, dass wir die ganze Zeit über dieselbe Beziehung geführt und sie doch vollkommen unterschiedlich erlebt hatten.
Ich nannte es Freundschaft.
Er hatte auf mehr gehofft.
Seitdem stelle ich mir die Frage anders als früher: Nicht, ob Freundschaft zwischen Männern und Frauen möglich ist.
Sondern ob zwei Menschen, die sie führen, immer wirklich dieselbe Geschichte darüber erzählen würden.
Ich glaube daran. Aber ich habe mich auch geirrt.
Meine Antwort auf die Frage, ob Männer und Frauen Freunde sein können, ist noch immer ja.
Nur nicht mehr so bedenkenlos wie früher.
Ich habe Männer in meinem Leben, mit denen mich echte, eindeutig platonische Freundschaft verbindet.
Keine unausgesprochenen Erwartungen, kein Subtext und kein wiederholtes Austesten von Grenzen.
Und trotzdem bin ich in meinem Leben mehr als einmal in die Situation geraten, in der ich später bemerkte, dass jemand die Nähe zwischen uns anders interpretiert hatte als ich.
Es brauchte dafür keine große Szene und kein spektakuläres Geständnis.
Manchmal war es nur ein beiläufiger Satz.
Manchmal zeigte es sich erst, als sich meine Lebenssituation veränderte.
Was mich daran beschäftigt, ist nicht die Frage nach Schuld.
Die interessantere Frage ist eine andere: Wie können zwei Menschen Monate oder Jahre in derselben Beziehung verbringen und dabei so grundlegend unterschiedliche Dinge erleben?
Marios Perspektive: Es kommt auf den Ausgangspunkt an
Als ich meinen Kollegen Mario fragte, was er von der Frage hält, war seine Antwort deutlich nüchterner als meine.
Auch er glaubt, dass Männer und Frauen Freunde sein können.
Für ihn tun wir jedoch manchmal so, als wären alle diese Freundschaften psychologisch gleich, obwohl sie unter völlig unterschiedlichen Voraussetzungen entstehen können.
Für Mario ist deshalb weniger das Geschlecht entscheidend als die Frage, unter welchen Umständen eine Freundschaft entstanden ist.
Zwei Menschen, die sich als Kinder kennengelernt haben und zusammen aufgewachsen sind, verbindet möglicherweise eine Freundschaft, die sich über viele Jahre organisch entwickelt hat.
Zwei Kolleginnen und Kollegen, die beide in festen Partnerschaften sind und sich über Jahre professionell und persönlich nähergekommen sind, bewegen sich wiederum innerhalb anderer Rahmenbedingungen.
Lernen sich dagegen zwei Singles auf einer Party kennen und spüren von Anfang an eine deutliche gegenseitige Anziehung, lohnt es sich laut Mario, genauer hinzuschauen, wenn daraus später eine Freundschaft wird.
Und dann gibt es noch die Konstellation, die vielleicht am kompliziertesten ist: Jemand hatte ursprünglich romantisches Interesse, bekam eine Absage und akzeptierte anschließend eine Freundschaft.
Für Mario liegt die entscheidende Frage deshalb weniger darin, ob Männer und Frauen grundsätzlich Freunde sein können.
Wichtiger ist für ihn, ob beide Menschen tatsächlich dieselbe Beziehung wollen.
Was die Psychologie dazu sagt

Die Forschung zu heterosexuellen Freundschaften zwischen Männern und Frauen ist differenzierter, als populäre Verallgemeinerungen es oft nahelegen.
April Bleske-Rechek und ihr Team an der University of Wisconsin-Eau Claire untersuchten 2012 junge erwachsene Freundespaare verschiedenen Geschlechts.
In der untersuchten Stichprobe berichteten Männer im Durchschnitt mehr Anziehung gegenüber ihren weiblichen Freundinnen als Frauen gegenüber ihren männlichen Freunden.
Dieser Unterschied zeigte sich in der Untersuchung unabhängig davon, ob sich die beteiligten Personen zu diesem Zeitpunkt in einer romantischen Beziehung befanden.
Sowohl Männer als auch Frauen nannten Anziehung außerdem häufiger als Belastung denn als Vorteil einer solchen Freundschaft.
Das belegt keineswegs, dass Männer keine aufrichtigen Freundschaften mit Frauen führen können.
Die Ergebnisse zeigen vielmehr, dass Anziehung in heterosexuellen Freundschaften eine Rolle spielen und von den beteiligten Personen unterschiedlich erlebt werden kann.
Eng damit verknüpft ist das Forschungsfeld rund um Fehlwahrnehmungen sexuellen oder romantischen Interesses.
Perilloux, Easton und Buss untersuchten 2012 solche Misswahrnehmungen und fanden in ihren experimentellen Begegnungen Hinweise darauf, dass Männer das sexuelle Interesse von Frauen im Durchschnitt eher überschätzten, während Frauen das Interesse von Männern eher unterschätzten.
Eine spätere Untersuchung von Lee und Kollegen aus dem Jahr 2020 relativiert jedoch eine einfache Erklärung allein durch das Geschlecht.
Die Forschenden fanden, dass ein erheblicher Teil der beobachteten Unterschiede mit der soziosexuellen Orientierung und der Tendenz zusammenhing, das eigene Interesse auf die andere Person zu projizieren.
Es wäre deshalb zu einfach zu behaupten, Männer würden grundsätzlich Freundlichkeit für romantisches Interesse halten und Frauen romantisches Interesse grundsätzlich übersehen.
Solche Ergebnisse können helfen zu erklären, warum zwei Menschen dieselbe Begegnung oder Beziehung unterschiedlich interpretieren.
Sie können auch erklären, warum jemand überrascht ist, wenn die andere Person irgendwann Gefühle offenbart, die zuvor nicht wahrgenommen wurden.
Wichtig ist dabei: Keiner dieser Befunde gilt absolut.
Es handelt sich um Muster in Gruppenvergleichen, die individuelle Unterschiede nicht vorwegnehmen.
Weder belegen sie, dass jeder Mann romantische Gefühle für seine Freundinnen hegt, noch dass Frauen grundsätzlich blind für das Interesse anderer sind.
Freundschaft oder Flirt? Woran man den Unterschied erkennen kann

Es gibt Merkmale, die für eine aufrichtige Freundschaft sprechen können.
Dazu gehört beispielsweise, dass jemand die romantischen Beziehungen der anderen Person ehrlich unterstützt, ohne dabei ständig Ressentiments oder Eifersucht zu zeigen.
Auch klare Grenzen, fehlende versteckte Erwartungen und die Möglichkeit, die Beziehung offen als Freundschaft zu bezeichnen, sprechen dafür, dass beide die Freundschaft ähnlich verstehen.
Auf der anderen Seite gibt es Muster, bei denen ein genauerer Blick sinnvoll sein kann.
Dazu gehören starke Eifersucht auf neue Partner, sichtbare Enttäuschung darüber, ausdrücklich als Freund bezeichnet zu werden, wiederholtes Testen körperlicher Grenzen oder das unausgesprochene Warten darauf, dass die andere Person irgendwann wieder verfügbar ist.
Keine dieser Verhaltensweisen beweist für sich allein, dass romantische Gefühle vorhanden sind.
Kommen jedoch mehrere solcher Muster zusammen, kann ein offenes Gespräch darüber helfen, welche Erwartungen beide an die Freundschaft haben.
Was, wenn Anziehung trotzdem da ist?

Hier lohnt es sich, eine verbreitete Annahme zu hinterfragen: die Idee, dass echte platonische Freundschaft vollständige gegenseitige Unattraktivität voraussetze.
So einfach ist es nicht.
Jemanden attraktiv zu finden und trotzdem kein Interesse daran zu haben, eine romantische oder sexuelle Beziehung mit dieser Person einzugehen, sind zwei verschiedene Dinge.
Anziehung kann im Hintergrund einer Freundschaft existieren, ohne zwangsläufig die gesamte Beziehung zu definieren.
Kompliziert wird es vor allem dann, wenn aus dieser Anziehung eine unausgesprochene Erwartung entsteht.
Die Untersuchung von Bleske-Rechek und ihren Kolleginnen und Kollegen zeigt, dass die befragten Männer und Frauen Anziehung häufiger als Belastung denn als Vorteil einer Freundschaft bezeichneten.
Das bedeutet jedoch nicht, dass vorhandene Anziehung automatisch eine Freundschaft zerstören muss.
Schwierig wird es vielmehr dann, wenn einer von beiden dauerhaft etwas anderes von der Beziehung erwartet und diese Erwartung unausgesprochen bleibt.
Wann wird es problematisch?

Manche Situationen zwingen einen dazu, genauer hinzusehen und sich zu fragen, was beide Menschen eigentlich unter ihrer Freundschaft verstehen.
Das kann der Fall sein, wenn jemand die Freundschaft aufrechterhält und gleichzeitig innerlich darauf wartet, dass die Beziehung der anderen Person scheitert.
Auch wiederkehrende Eifersucht kann ein Hinweis darauf sein, dass die emotionale Situation komplizierter ist.
Ähnliches gilt, wenn eine Freundschaft bewusst vor dem eigenen Partner verheimlicht wird oder ein deutliches Ungleichgewicht in der emotionalen Investition entsteht, ohne dass darüber gesprochen wird.
Gefühle für einen Freund oder eine Freundin zu entwickeln, macht jemanden nicht automatisch zu einem schlechten Menschen.
Entscheidend ist vielmehr, wie man mit diesen Gefühlen umgeht.
Sie für sich zu reflektieren oder offen darüber zu sprechen, können beide legitime Wege sein.
Eine Freundschaft hingegen dauerhaft als strategischen Warteraum für eine mögliche spätere Beziehung zu betrachten, ohne dass die andere Person davon weiß, schafft ein Ungleichgewicht, das die Freundschaft belasten kann.
Vielleicht haben wir beide ein bisschen recht
Marios Argument und meine Sichtweise widersprechen sich weniger, als es zunächst scheint.
Mario hat recht: Die Umstände, unter denen eine Freundschaft zwischen Mann und Frau entsteht, sind nicht irrelevant.
Zwei Menschen, die sich bereits seit ihrer Kindheit kennen, befinden sich in einer anderen Ausgangslage als zwei Erwachsene, die sich als Singles kennenlernen und einander von Anfang an attraktiv finden.
Diese Konstellationen als psychologisch identisch zu behandeln, würde viele entscheidende Unterschiede übersehen.
Und ich glaube noch immer an Freundschaft zwischen Männern und Frauen.
Ich glaube nur nicht mehr automatisch daran, dass beide dieselbe Geschichte darüber erzählen würden.
Das hat nichts damit zu tun, Männern grundsätzlich Unehrlichkeit zu unterstellen.
Menschen können selbst mit den besten Absichten unterschiedliche Dinge meinen, wenn sie dasselbe Wort benutzen.
Was ich aus meinen Erfahrungen gelernt habe: Es lohnt sich, früher genauer hinzuschauen.
Misstrauen oder Konfrontation braucht es dafür nicht.
Wichtiger ist die Bereitschaft, offen darüber zu sprechen, was diese Freundschaft eigentlich für beide bedeutet.
Häufige Fragen zur Freundschaft zwischen Mann und Frau

Können Männer und Frauen wirklich nur Freunde sein?
Ja, aufrichtige Freundschaft zwischen Männern und Frauen ist möglich.
Studien zu heterosexuellen Freundschaften zeigen jedoch, dass Anziehung dabei eine Rolle spielen kann und Männer in einzelnen Untersuchungen im Durchschnitt mehr Anziehung gegenüber ihren Freundinnen berichteten als umgekehrt.
Das schließt echte Freundschaft keineswegs aus, zeigt aber, dass zwei Menschen ihre Beziehung unterschiedlich wahrnehmen können.
Kann eine Freundschaft funktionieren, wenn einer den anderen attraktiv findet?
Ja.
Jemanden attraktiv zu finden bedeutet nicht automatisch, dass man eine Beziehung mit dieser Person anstrebt.
Komplizierter wird es, wenn aus der Anziehung eine unausgesprochene Erwartung entsteht.
Woran erkenne ich, ob mein Freund mehr für mich empfindet?
Kein einzelnes Zeichen kann das zuverlässig beweisen.
Muster wie starke Eifersucht auf neue Partner, Unbehagen darüber, ausdrücklich als Freund bezeichnet zu werden, oder ein deutlicher Rückzug, sobald du in einer Beziehung bist, können Hinweise sein.
Klarheit schafft letztlich am ehesten ein offenes Gespräch darüber, was die Freundschaft für beide bedeutet.
Was tun, wenn sich einer in den anderen verliebt?
Gefühle zu entwickeln, ist keine bewusste Entscheidung.
Entscheidend ist der Umgang damit.
Ehrlichkeit kann langfristig hilfreicher sein als dauerhaftes Verdrängen, auch wenn ein solches Gespräch zunächst unangenehm sein kann.
Dabei sollten die Gefühle und Grenzen beider Seiten respektiert werden.
Ist eine enge Freundschaft zum anderen Geschlecht in einer Beziehung problematisch?
Nicht grundsätzlich.
Kritisch kann es werden, wenn die Freundschaft vor dem Partner verheimlicht wird, emotionale Grenzen verschwimmen oder einer der Beteiligten insgeheim auf eine Veränderung der Situation wartet.
Enge und transparente Freundschaften außerhalb einer Partnerschaft können dagegen für alle Beteiligten wertvoll sein.
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Hinweis:
Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und persönlichen Einordnung. Die genannten Studien beschreiben statistische Tendenzen und lassen keine Rückschlüsse auf einzelne Personen oder Freundschaften zu. Persönliche Erfahrungen können davon deutlich abweichen.
Quellen und weiterführende Literatur
Bleske-Rechek, A., Somers, E., Micke, C., Erickson, L., Matteson, L., Schumacher, B., Stocco, C., & Ritchie, L. (2012). Benefit or burden? Attraction in cross-sex friendship. Journal of Social and Personal Relationships, 29(5), 569–596. DOI: 10.1177/0265407512443611
Perilloux, C., Easton, J. A., & Buss, D. M. (2012). The misperception of sexual interest. Psychological Science, 23(2), 146–151. DOI: 10.1177/0956797611424162
Lee, A. J., Sidari, M. J., Murphy, S. C., Sherlock, J. M., & Zietsch, B. P. (2020). Sex differences in misperceptions of sexual interest can be explained by sociosexual orientation and men projecting their own interest onto women. Psychological Science, 31(2), 184–192. DOI: 10.1177/0956797619900315
