Andere kleinmachen: Woher kommt dieses Bedürfnis wirklich?

9–14 Minuten

Bevor wir über die Psychologie hinter abwertendem Verhalten sprechen, möchte ich mit etwas beginnen, das ich sonst eher selten mache.

Mit ein paar Fragen.

Antworte möglichst spontan und ehrlich.

Bevor wir anfangen: Erkennst du diese Situationen?

Hat jemand schon einmal etwas heruntergespielt, auf das du eigentlich stolz warst?

Vielleicht hast du von einem Erfolg erzählt und statt eines „Glückwunsch“ kam nur ein trockenes: „Na ja, so besonders ist das jetzt auch nicht.“

Hat jemand schon einmal einen verletzenden Kommentar über dich gemacht und ihn anschließend mit einem „War doch nur Spaß“ gerechtfertigt?

Kennst du eine Person, die besonders kritisch wird, sobald du Aufmerksamkeit bekommst, etwas erreichst oder von anderen gelobt wirst?

Hat jemand schon einmal genau die Unsicherheit gegen dich verwendet, von der diese Person wusste, dass sie dich besonders trifft?

Und gibt es einen Menschen, nach dessen Kommentaren du dich regelmäßig schlechter, kleiner oder unsicherer fühlst als vorher?

Wenn du mehrere dieser Fragen mit Ja beantwortet hast, kennst du wahrscheinlich das Gefühl, von einem anderen Menschen kleingemacht zu werden.

Mich beschäftigt an solchen Situationen inzwischen vor allem eine Frage.

Warum?

Warum verspürt ein Mensch überhaupt das Bedürfnis, einen anderen herabzusetzen?

Was gewinnt er dadurch?

Auf den ersten Blick könnte man sagen: Manche Menschen sind eben gemein.

Je länger ich mich jedoch mit psychologischen Themen beschäftige und je mehr ich auch mein eigenes Verhalten und das meines Umfelds reflektiere, desto weniger reicht mir diese Erklärung.

Denn hinter Abwertung können sehr unterschiedliche Prozesse stehen.

Unsicherheit kann eine Rolle spielen.

Neid ebenfalls.

Manchmal geht es um Kontrolle, manchmal um Frustration und manchmal um Verhaltensweisen, die ein Mensch über Jahre als völlig normal kennengelernt hat.

Das bedeutet allerdings nicht, dass wir jedes verletzende Verhalten psychologisch entschuldigen sollten.

Ein einzelner unbedachter Kommentar macht außerdem noch niemanden zu einem Menschen, der andere systematisch kleinmacht.

Entscheidend ist für mich vielmehr das Muster.

Passiert es immer wieder?

Trifft es auffällig oft deine Erfolge, dein Aussehen, deine Fähigkeiten oder genau die Dinge, bei denen du ohnehin unsicher bist?

Und wie reagiert die Person, wenn du ihr sagst, dass ihre Worte dich verletzen?

Genau dort wird es interessant.

Denn manchmal erzählt die Art, wie jemand mit deinem Selbstwert umgeht, erstaunlich viel darüber, wie stabil sein eigener eigentlich ist.

Woher kommt das Bedürfnis, andere Menschen kleinzumachen?

Wir Menschen vergleichen uns miteinander.

Das lässt sich im Alltag kaum vollständig vermeiden.

Wer ist erfolgreicher?

Wer bekommt mehr Anerkennung?

Wer wirkt selbstbewusster?

Wer sieht besser aus?

Wer hat die Beziehung, den Beruf oder das Leben, das wir vielleicht selbst gerne hätten?

Ein solcher Vergleich muss überhaupt nichts Schlechtes sein.

Er kann uns sogar motivieren.

Problematisch wird es dort, wo der Erfolg eines anderen nicht mehr als dessen Erfolg erlebt wird, sondern plötzlich wie eine Aussage über den eigenen Wert.

Aus „Sie hat etwas erreicht“ wird innerlich vielleicht „Ich habe weniger erreicht“.

Aus „Er bekommt Anerkennung“ wird „Mich sieht niemand“.

Aus „Sie ist selbstbewusst“ wird „Neben ihr fühle ich mich unsicher“.

Dann kann eine gefährliche Abkürzung entstehen.

Anstatt den eigenen Selbstwert aufzubauen, wird versucht, den anderen ein Stück kleiner zu machen.

Das ist nur einer von mehreren möglichen Mechanismen.

Aber er führt direkt zum ersten Grund.

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1. Der eigene Selbstwert ist weniger stabil, als es nach außen wirkt

Menschen mit einem instabilen Selbstwert wirken nicht zwangsläufig unsicher.

Das finde ich besonders wichtig.

Unsicherheit sieht nicht immer aus wie Schüchternheit.

Manche Menschen ziehen sich zurück.

Andere werden laut.

Wieder andere reagieren mit Spott, Konkurrenz oder ständiger Kritik.

Stell dir vor, jemand erzählt voller Freude von einer Beförderung.

Eine mögliche Reaktion wäre: „Das hast du dir verdient.“

Eine andere lautet: „Na ja, bei euch wird doch sowieso jeder irgendwann befördert.“

Sachlich betrachtet hat dieser Satz am Erfolg überhaupt nichts verändert.

Emotional versucht er jedoch genau das.

Er macht ihn kleiner.

Für einen Menschen, der sich gerade selbst unzulänglich fühlt, kann das kurzfristig erleichternd sein.

Wenn dein Erfolg weniger beeindruckend ist, muss ich mich vielleicht weniger schlecht fühlen.

Wenn deine Stärke gar keine richtige Stärke ist, muss ich mich weniger mit meiner eigenen Unsicherheit beschäftigen.

Natürlich läuft dieser Gedankengang nicht bei jedem Menschen bewusst ab.

Gerade deshalb finde ich ihn so interessant.

Wir müssen nicht morgens aufstehen und beschließen, jemanden abzuwerten, damit unser eigener Selbstwert unser Verhalten beeinflusst.

Manchmal genügt bereits dieses unangenehme Gefühl, das entsteht, wenn jemand vor uns plötzlich genau das verkörpert, was wir selbst gerne wären.

Das erklärt möglicherweise einen Kommentar.

Es rechtfertigt ihn nicht.

Und vor allem bedeutet ein niedriger oder schwankender Selbstwert nicht automatisch, dass jemand andere schlecht behandeln wird.

Viele unsichere Menschen sind ausgesprochen empathisch.

Entscheidend ist, wie wir mit unserer eigenen Unsicherheit umgehen.

Versuche ich herauszufinden, warum mich der Erfolg eines anderen so sehr beschäftigt?

Oder versuche ich lieber, diesen Erfolg kleiner zu machen?

Zwischen diesen beiden Reaktionen liegt für mich ein gewaltiger Unterschied.

2. Neid und sozialer Vergleich

Neid gehört zu den Gefühlen, über die kaum jemand gerne spricht.

Wir geben leichter zu, traurig, wütend oder gestresst zu sein, als offen zu sagen: „Ich hätte gerne das, was dieser Mensch hat.“

Dabei ist Neid zunächst ein menschliches Gefühl.

Problematisch wird er erst dann, wenn aus diesem Gefühl Abwertung entsteht.

Genau dieses Verhalten ist mir schon ziemlich früh aufgefallen.

In meiner Schulzeit gab es eine Gruppe von Menschen, die andere auffällig häufig zum Ziel ihrer Kommentare machte.

Besonders deutlich wurde es bei Mädchen.

War ein Mädchen attraktiv, bekam viel Aufmerksamkeit oder wirkte selbstbewusst, dauerte es häufig nicht lange, bis irgendein abwertender Kommentar fiel.

Plötzlich war sie „eingebildet“.

Ihre Kleidung wurde kommentiert.

Ihr Aussehen wurde ins Lächerliche gezogen.

Bekam sie Aufmerksamkeit von anderen, wurde schnell irgendein Grund gefunden, warum sie diese angeblich gar nicht verdient hatte.

Damals habe ich darüber wesentlich einfacher gedacht.

Für mich waren diese Menschen einfach gemein.

Heute würde ich mit einer solchen Erklärung vorsichtiger umgehen.

Ich kann schließlich nicht wissen, was damals tatsächlich in ihnen vorging.

Was ich rückblickend jedoch interessant finde, ist das Muster.

Besonders häufig wurden genau diejenigen Dinge abgewertet, die gleichzeitig Aufmerksamkeit bekamen oder einen Vergleich auslösen konnten.

Das muss nicht bedeuten, dass hinter jedem dieser Kommentare Neid steckte.

Aber sozialer Vergleich kann erklären, warum uns bestimmte Eigenschaften anderer Menschen stärker beschäftigen als andere.

Wenn jemand etwas besitzt, das wir selbst gerne hätten, entsteht schnell ein unangenehmer innerer Vergleich.

Das kann Schönheit sein.

Beliebtheit.

Selbstbewusstsein.

Geld.

Eine glückliche Beziehung.

Beruflicher Erfolg.

Oder sogar die Fähigkeit, scheinbar mühelos mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen.

Aus diesem Vergleich können zwei vollkommen unterschiedliche Reaktionen entstehen.

Ich kann denken: „Das hätte ich auch gerne. Was kann ich für mich daraus lernen?“

Oder ich versuche, das Begehrte abzuwerten.

Dann wird aus „Sie ist attraktiv“ plötzlich „Sie bildet sich viel darauf ein“.

Aus „Er ist erfolgreich“ wird „Der hatte einfach Glück“.

Aus „Sie ist selbstbewusst“ wird „Sie braucht ständig Aufmerksamkeit“.

Das Interessante daran ist, dass sich an der anderen Person überhaupt nichts verändert hat.

Verändert wurde lediglich die Geschichte, die wir uns über sie erzählen.

Und diese Geschichte kann kurzfristig dabei helfen, den eigenen Vergleich weniger unangenehm zu machen.

Deshalb sagt Abwertung manchmal tatsächlich mehr über denjenigen aus, der sie ausspricht, als über den Menschen, gegen den sie gerichtet ist.

Trotzdem wäre auch hier eine einfache Gleichung falsch.

Nicht jeder kritische Kommentar ist Neid.

Nicht jeder Mensch, der uns nicht mag, ist heimlich eifersüchtig auf uns.

Diese Erklärung kann ebenfalls sehr bequem werden, wenn wir jede unangenehme Rückmeldung damit abtun.

Entscheidend ist wieder das Muster.

Wird ausgerechnet dann abgewertet, wenn du etwas erreichst?

Verändert sich die Stimmung, sobald andere dich loben?

Werden deine Stärken regelmäßig zu angeblichen Schwächen umgedeutet?

Dann lohnt es sich zumindest, genauer hinzuschauen.

3. Abwertung kann ein Gefühl von Kontrolle und Überlegenheit geben

Toxische Freundschaft

Nicht jede Herabsetzung entsteht aus Neid.

Manchmal geht es stärker darum, wer innerhalb einer Beziehung die Oberhand besitzt.

Das kann in einer Partnerschaft passieren.

In einer Freundschaft.

Innerhalb einer Familie.

Oder am Arbeitsplatz.

Wer einen anderen Menschen regelmäßig verunsichert, verändert mit der Zeit möglicherweise auch das Verhältnis zwischen beiden.

Ein Satz allein wirkt vielleicht harmlos.

„Das kannst du sowieso nicht.“

Beim nächsten Mal heißt es vielleicht: „Ohne mich würdest du das nie schaffen.“

Später kommt: „Du überschätzt dich schon wieder.“

Wer solche Botschaften ständig hört, kann irgendwann anfangen, an der eigenen Wahrnehmung oder den eigenen Fähigkeiten zu zweifeln.

Und genau dadurch kann ein Ungleichgewicht entstehen.

Die eine Person bewertet.

Die andere beginnt, sich zu rechtfertigen.

Die eine entscheidet scheinbar, was gut genug ist.

Die andere versucht zunehmend, diese Anerkennung zu bekommen.

Besonders problematisch finde ich dabei, dass Abwertung nicht immer laut oder offensichtlich sein muss.

Sie kann sich hinter Humor verstecken.

Hinter angeblich gut gemeinten Ratschlägen oder hinter einem Satz wie: „Ich sage dir das doch nur, weil ich ehrlich zu dir bin.“

Ehrlichkeit und Respekt schließen sich allerdings nicht gegenseitig aus.

Ich kann einem Menschen widersprechen, ohne ihn kleinzumachen.

Und ich kann ein Problem ansprechen, ohne ihm das Gefühl zu geben, grundsätzlich weniger wert zu sein.

Genau deshalb lohnt es sich, nicht nur darauf zu achten, was jemand sagt.

Mindestens genauso wichtig ist, was nach solchen Gesprächen regelmäßig mit dir passiert.

Fühlst du dich verstanden oder fühlst du dich kleiner?

Darfst du widersprechen oder wird jeder Widerspruch sofort gegen dich verwendet?

Kann die andere Person Verantwortung übernehmen, wenn sie zu weit gegangen ist?

Ein einzelner schlechter Kommentar beantwortet diese Fragen noch nicht.

Ein wiederkehrendes Muster kann es durchaus.

4. Eigene Frustration wird an anderen ausgelassen

Toxische Freundschaft

Fast jeder kennt Tage, an denen die eigene Geduld deutlich kürzer ist als sonst.

Vielleicht läuft es bei der Arbeit schlecht.

Zu Hause wartet das nächste Problem.

Man fühlt sich überfordert, enttäuscht oder einfach erschöpft.

In solchen Phasen reagieren Menschen mitunter gereizter.

Das erklärt, warum ein Kommentar härter ausfallen kann als beabsichtigt.

Doch zwischen einer Erklärung und einer Entschuldigung liegt ein wichtiger Unterschied.

Eine Erklärung ist keine Entschuldigung.

Eigene Frustration gibt niemandem das Recht, einen anderen Menschen regelmäßig als Ventil zu benutzen.

Gerade daran lässt sich meiner Meinung nach emotionale Verantwortung erkennen.

Nicht daran, niemals wütend oder überfordert zu sein.

Sondern daran, was wir mit diesen Gefühlen machen.

Kann ich sagen: „Ich bin gerade völlig gestresst und brauche einen Moment“?

Oder brauche ich jemanden, an dem ich meinen Frust auslassen kann?

Wer regelmäßig andere herabsetzt, sobald im eigenen Leben etwas schiefläuft, löst dadurch kein einziges seiner Probleme.

Für einen kurzen Moment kann es sich trotzdem entlastend anfühlen.

Die eigene Ohnmacht wird nach außen getragen.

Jemand anderes fühlt sich plötzlich schlecht und man selbst vielleicht für einen Augenblick stärker.

5. Manche Menschen haben Abwertung als normale Kommunikation gelernt

Was für den einen eindeutig verletzend klingt, kann für einen anderen jahrelang vollkommen normal gewesen sein.

Vielleicht wurde zu Hause ständig mit Spott kommuniziert.

Fehler wurden nicht ruhig angesprochen, sondern lächerlich gemacht.

Gefühle galten als Schwäche.

Komplimente waren selten, Kritik dagegen alltäglich.

Wer lange in einem solchen Umfeld lebt, kann bestimmte Kommunikationsmuster übernehmen, ohne sie zunächst überhaupt zu hinterfragen.

Ein verletzender Kommentar fühlt sich dann vielleicht nicht wie Herabsetzung an.

Er klingt einfach vertraut.

Das bedeutet natürlich nicht, dass jeder Mensch seine Kindheit oder sein Umfeld später automatisch wiederholt.

Genau das wäre viel zu einfach.

Menschen können gelernte Muster erkennen und verändern.

Dafür müssen sie allerdings irgendwann bereit sein, das eigene Verhalten zu hinterfragen.

Wie reagierst du, wenn jemand dich ständig kleinmacht?

Zu verstehen, warum ein Mensch andere abwertet, kann hilfreich sein.

Noch wichtiger ist jedoch die Frage, wie du damit umgehst.

Versuche zunächst, das Verhalten klar anzusprechen, ohne dich in langen Rechtfertigungen zu verlieren.

Ein einfaches „Ich möchte nicht, dass du so mit mir sprichst“ kann manchmal mehr bewirken als eine lange Diskussion.

Auch die Frage „Was genau möchtest du mir damit sagen?“ kann interessant sein.

Plötzlich muss die andere Person erklären, was hinter einem vermeintlich harmlosen Kommentar oder Witz eigentlich steckt.

Achte anschließend besonders darauf, wie sie auf deine Grenze reagiert.

Jeder Mensch kann etwas Unüberlegtes oder Verletzendes sagen.

Ein großer Unterschied besteht jedoch darin, ob jemand zuhört und sein Verhalten reflektiert oder deine Gefühle anschließend ebenfalls ins Lächerliche zieht.

Du musst außerdem nicht beweisen, dass deine Erfolge, Fähigkeiten oder Gefühle berechtigt sind.

Dein Wert wird nicht kleiner, nur weil jemand versucht, ihn kleinzureden.

Wiederholt sich dieses Verhalten trotz klarer Grenzen, darfst du auch Abstand schaffen.

Das muss nicht immer einen dramatischen Kontaktabbruch bedeuten.

Manchmal reicht es bereits, weniger Persönliches zu erzählen, bestimmte Gespräche nicht mehr zu führen oder weniger Zeit mit diesem Menschen zu verbringen.

Ich muss nicht vollständig verstehen, warum jemand mich kleinmacht, bevor ich entscheiden darf, dass ich so nicht behandelt werden möchte.

Diesen Satz hätte ich selbst gerne früher verstanden.

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Hinweis

Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und persönlichen Reflexion.

Die beschriebenen psychologischen Zusammenhänge sind mögliche Erklärungen für abwertendes Verhalten und treffen nicht auf jeden Menschen oder jede Situation gleichermaßen zu.

Der Beitrag ersetzt keine psychologische oder therapeutische Beratung.

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