
Betrügen Männer tatsächlich häufiger und länger als Frauen und bleiben trotzdem bei ihrer Ehefrau?
Diese Frage wird erstaunlich oft gestellt.
Solche Geschichten sehen wir in Filmen und Serien, hören sie im Freundeskreis oder erleben sie sogar in unserem eigenen Umfeld.
Ein Mann hat eine Affäre, manchmal über Monate oder sogar länger, kommt abends nach Hause und denkt trotzdem nicht daran, seine Beziehung zu beenden.
Wie passt das zusammen?
Wie kann jemand seine Partnerin betrügen und gleichzeitig behaupten, sie nicht verlieren zu wollen?
Und stimmt eigentlich die weitverbreitete Vorstellung, dass Männer grundsätzlich häufiger fremdgehen als Frauen?
Ich muss zugeben, dass ich solche Fragen früher viel einfacher beantwortet hätte.
Als junger Mann habe ich selbst erlebt, wie stark das Bedürfnis nach Anerkennung sein kann.
Gerade wenn man noch unsicher ist, kann die Aufmerksamkeit einer anderen Person plötzlich unglaublich gut tun.
Ein Blick, ein Kompliment oder das Gefühl, begehrt zu werden, können das eigene Ego stärker berühren, als man sich eingestehen möchte.
Auch in meinem Freundeskreis habe ich über die Jahre sehr unterschiedliche Männer erlebt.
Manche suchen gerade dann besonders viel Bestätigung von außen, wenn sie an sich selbst zweifeln.
Andere merken durchaus, dass sie jemanden attraktiv finden, ziehen aber bewusst eine Grenze, bevor aus einem harmlosen Flirt etwas anderes entsteht.
Je länger ich mich mit Psychologie beschäftige, desto weniger überzeugt mich deshalb die einfache Erklärung: „Männer sind eben so.“
Anziehung ist menschlich.
Unsicherheit ebenfalls.
Das Bedürfnis nach Bestätigung kennen vermutlich die meisten von uns.
Entscheidend wird es an einem anderen Punkt: Was machen wir mit diesen Gefühlen?
Deshalb möchte ich heute etwas tiefer gehen.
Wir schauen uns an, warum manche Männer fremdgehen, warum sie ihre Partnerin trotzdem nicht verlassen wollen und welche psychologischen Mechanismen hinter diesem scheinbaren Widerspruch stecken können.
Und wir beginnen mit einer Frage, die wir dafür zuerst klären müssen: Betrügen Männer tatsächlich häufiger als Frauen?
Sind Männer wirklich von Natur aus untreuer als Frauen?

Das Klischee ist schnell erzählt: Männer suchen das Abenteuer, Frauen die emotionale Sicherheit.
Je länger ich mich mit Beziehungen und menschlichem Verhalten beschäftige, desto weniger halte ich von solchen einfachen Erklärungen.
Untreue ist keine typisch männliche Eigenschaft.
Männer und Frauen können fremdgehen, und hinter diesem Verhalten können sehr unterschiedliche Motive stehen.
Entscheidend ist deshalb nicht nur die Frage, wer häufiger fremdgeht, sondern auch, warum Menschen überhaupt bereit sind, die Grenzen ihrer Beziehung zu überschreiten.
Bei einem Mann kann es das Bedürfnis sein, sich wieder begehrt zu fühlen.
Bei einem anderen steckt vielleicht Unzufriedenheit in der Beziehung dahinter.
Wieder ein anderer sucht gar keine neue Partnerin, sondern genießt schlicht die Aufmerksamkeit und das Gefühl, für einen Moment jemand anderes sein zu können.
Genau hier wird es psychologisch interessant.
Denn ein Seitensprung bedeutet nicht automatisch, dass ein Mann seine Ehe beenden oder seine Frau gegen eine andere eintauschen möchte.
Das klingt zunächst widersprüchlich.
Und natürlich macht es die Untreue dadurch nicht weniger verletzend.
Aber Gefühle und Verhalten folgen nicht immer derselben Logik.
Ein Mensch kann an seiner Beziehung hängen und trotzdem außerhalb dieser Beziehung nach etwas suchen, das ihm gerade fehlt.
Manchmal fehlt ihm dieses Etwas tatsächlich in der Partnerschaft.
Manchmal fehlt es aber in ihm selbst.
Gerade diesen zweiten Punkt halte ich für besonders wichtig.
Ich kenne das Gefühl, als junger Mann nicht vollkommen sicher in sich selbst zu sein und plötzlich zu merken, wie gut Anerkennung von außen tut.
Wenn man selbst gerade an sich zweifelt, kann ein Kompliment plötzlich viel größer wirken, als es eigentlich ist.
Man fühlt sich gesehen.
Begehrt.
Interessant.
Für einen kurzen Moment verschwinden vielleicht sogar die eigenen Zweifel.
Das Problem beginnt meiner Meinung nach nicht damit, dass uns die Aufmerksamkeit eines anderen Menschen gefällt.
Das ist menschlich.
Entscheidend ist, was danach passiert.
Suche ich diese Person plötzlich bewusst wieder?
Warte ich auf ihre nächste Nachricht?
Beginne ich, Dinge vor meiner Partnerin zu verheimlichen?
Erzeuge ich bewusst Situationen, von denen ich längst weiß, wohin sie führen könnten?
Irgendwann geht es dann nicht mehr nur um ein Gefühl.
Es geht um Entscheidungen.
Und genau deshalb finde ich die Erklärung „Männer sind eben so“ problematisch.
Sie macht aus einer Entscheidung eine angeblich unvermeidbare männliche Eigenschaft.
Dabei habe ich gerade unter meinen Freunden erlebt, wie unterschiedlich Männer mit genau solchen Situationen umgehen.
Der eine genießt einen Flirt und sucht am nächsten Tag schon wieder die nächste Gelegenheit.
Ein anderer merkt ebenfalls, dass ihn eine Frau interessiert, entscheidet aber ganz bewusst, Abstand zu halten.
Beide können dieselbe Anziehung empfinden.
Der Unterschied liegt darin, was sie daraus machen.
Und damit kommen wir zu der vielleicht schwierigsten Frage überhaupt.
Kann ein Mann seine Frau betrügen und sie trotzdem lieben?
Ja, dieser Widerspruch kann existieren.
Aber das bedeutet nicht, dass Liebe automatisch jede Form von Verhalten entschuldigt.
Genau diese beiden Dinge müssen wir voneinander trennen.
Ein Mann kann emotional an seiner Frau hängen, gemeinsame Erinnerungen mit ihr haben, sich mit ihr verbunden fühlen und sich ein Leben ohne sie kaum vorstellen können.
Und trotzdem kann er eine Entscheidung treffen, die genau diesen Menschen tief verletzt.
Liebe schützt uns nicht automatisch davor, egoistisch, unsicher oder verantwortungslos zu handeln.
Vielleicht ist genau das eine der unangenehmsten Wahrheiten über Beziehungen.
Wir können einen Menschen lieben und ihm trotzdem wehtun.
Die wichtigere Frage lautet deshalb manchmal gar nicht: „Liebt er sie noch?“
Sondern: „Warum hat ihm diese Liebe in diesem Moment nicht gereicht, um eine Grenze einzuhalten?“
Und darauf gibt es nicht nur eine Antwort.
Warum betrügen manche Männer und bleiben trotzdem?

1. Sie suchen Bestätigung, nicht unbedingt eine neue Beziehung
Einer der Gründe, die ich besonders interessant finde, ist das Bedürfnis nach Bestätigung.
Denn manchmal sucht ein Mann außerhalb seiner Beziehung gar keine andere Frau.
Er sucht ein bestimmtes Gefühl.
Das Gefühl, noch attraktiv zu sein.
Das Gefühl, begehrt zu werden.
Das Gefühl, bei jemandem etwas auszulösen.
Gerade bei Männern, die nach außen sehr selbstbewusst wirken, kann dieses Bedürfnis überraschend stark sein.
Ich glaube, dass viele von uns Männern irgendwann lernen, Selbstbewusstsein ziemlich überzeugend darzustellen, lange bevor wir es tatsächlich besitzen.
Man macht Witze.
Man gibt sich locker.
Man möchte souverän wirken.
Und gleichzeitig reicht manchmal ein einziges Kompliment einer Frau, um genau die Unsicherheit zu berühren, die man nach außen so gut versteckt.
Das kenne ich auch von mir selbst.
Als jüngerer und deutlich unsicherer Mann habe ich viel stärker darauf geachtet, wie andere Menschen auf mich reagieren.
Wenn eine Frau mich interessant fand, fühlte sich das nicht einfach nur schön an.
Es fühlte sich ein bisschen wie eine Bestätigung meines eigenen Wertes an.
Heute sehe ich darin einen entscheidenden Unterschied.
Es ist etwas anderes, sich über ein Kompliment zu freuen, als dieses Gefühl immer wieder aktiv zu suchen.
Denn genau daraus kann ein Kreislauf entstehen.
Je unsicherer ich mich innerlich fühle, desto mehr Bestätigung brauche ich von außen.
Je mehr Bestätigung ich bekomme, desto stärker gewöhne ich mich daran.
Und irgendwann reicht vielleicht die Aufmerksamkeit der eigenen Partnerin nicht mehr aus, weil sie längst selbstverständlich geworden ist.
Die fremde Person kennt meine Fehler noch nicht.
Sie kennt meine schlechten Tage nicht.
Sie hat mich noch nicht verschlafen, gestresst oder schlecht gelaunt erlebt.
In ihren Augen kann ich für einen Moment wieder die Version von mir sein, die ich selbst gerne sehen möchte.
Genau deshalb glaube ich, dass Untreue manchmal weniger darüber verrät, was einem Mann in seiner Frau fehlt, als darüber, was ihm in seinem eigenen Selbstwert fehlt.
Das erklärt sein Verhalten.
Es entschuldigt es nicht.
2. Die Affäre bietet etwas, das der Alltag nicht mehr bietet
Langjährige Beziehungen verändern sich.
Aus aufregenden ersten Dates werden irgendwann Einkäufe, Rechnungen, Termine und die Frage, wer morgen den Müll rausbringt.
Das klingt wenig romantisch.
Aber genau darin liegt auch etwas Schönes.
Eine Beziehung wird vertrauter.
Sicherer.
Echter.
Gleichzeitig verschwindet ein Teil jener Ungewissheit, die am Anfang für Spannung gesorgt hat.
Eine neue Person bringt genau diese Ungewissheit plötzlich zurück.
Man weiß nicht, ob sie schreiben wird und überlegt, was ein bestimmter Blick bedeutet hat.
Plötzlich ist da wieder dieses Kribbeln.
Ich habe bei Gesprächen mit Freunden immer wieder gemerkt, wie leicht Menschen dieses Gefühl mit etwas viel Größerem verwechseln können.
Neu bedeutet nicht automatisch besser.
Aufregend bedeutet nicht automatisch tief.
Und Schmetterlinge im Bauch bedeuten noch lange nicht, dass mit der eigenen Beziehung etwas grundsätzlich falsch sein muss.
Eine Affäre muss außerdem keinen gemeinsamen Alltag bestehen.
Sie kennt zunächst keine Steuererklärung, keine schlaflosen Nächte und keinen Streit darüber, wer zum dritten Mal vergessen hat, etwas einzukaufen.
Deshalb kann der Vergleich unfair werden.
Auf der einen Seite steht eine reale Beziehung mit all ihren schönen und schwierigen Seiten.
Auf der anderen Seite steht etwas Neues, das bisher hauptsächlich aus ausgewählten Momenten besteht.
Wer beides miteinander vergleicht, vergleicht oft Realität mit Fantasie.
3. Manche Männer haben nie gelernt, klare Grenzen zu setzen
Untreue beginnt nicht immer im Schlafzimmer.
Manchmal beginnt sie mit einer Nachricht, von der man bereits weiß, dass die eigene Partnerin sie lieber nicht sehen sollte.
Dann kommt vielleicht ein Gespräch, das etwas persönlicher wird.
Ein Kompliment.
Ein Insiderwitz.
Noch eine Nachricht spät am Abend.
Irgendwann wird der Chat gelöscht.
Und spätestens dann ist meistens klar, dass die Grenze längst nicht mehr dort liegt, wo man sich selbst einredet, dass sie liegt.
Diesen Punkt finde ich auch bei mir persönlich wichtig.
Ich kann nicht bestimmen, wem ich im Laufe meines Lebens begegne.
Ich kann auch nicht vollständig kontrollieren, wen ich attraktiv oder interessant finde.
Aber ich kann kontrollieren, wie viel Raum ich diesem Gefühl gebe.
Heute versuche ich deshalb viel früher darauf zu achten, wo meine eigenen Grenzen liegen.
Nicht erst dann, wenn eine Situation bereits außer Kontrolle geraten ist.
Denn Selbstkontrolle bedeutet für mich nicht, niemals etwas zu fühlen.
Sie bedeutet, zu erkennen, wann aus einem Gefühl langsam eine bewusste Entscheidung wird.
4. Sie haben Angst vor dem Alleinsein
Ein weiterer möglicher Grund ist wesentlich weniger romantisch.
Manche Menschen können eine unglückliche Beziehung leichter ertragen als die Vorstellung, plötzlich ganz allein zu sein.
Eine Ehe bietet Struktur.
Da ist jemand zu Hause.
Da gibt es gemeinsame Gewohnheiten, Freunde, vielleicht Kinder und einen Alltag, der über Jahre entstanden ist.
Eine Affäre kann gleichzeitig Aufmerksamkeit oder Aufregung bieten, ohne dass der Mann bereit ist, diese vertraute Sicherheit aufzugeben.
Von außen wirkt das widersprüchlich.
Psychologisch ist der Wunsch nach Sicherheit allerdings nichts Ungewöhnliches.
Das Problem entsteht, wenn jemand versucht, beides gleichzeitig zu behalten.
Die Sicherheit der bestehenden Beziehung.
Und die Aufregung außerhalb davon.
Dann trägt vor allem die betrogene Person die Konsequenzen eines Konflikts, den der andere nicht lösen wollte.
5. Er ist unzufrieden, spricht aber nicht darüber
Nicht jeder Mensch kann gut über Bedürfnisse sprechen.
Das gilt natürlich nicht nur für Männer.
Trotzdem kenne ich aus meinem eigenen Umfeld genügend Männer, die stundenlang über Arbeit, Fußball oder irgendein technisches Problem reden können und plötzlich erstaunlich wortkarg werden, sobald es um Verletzlichkeit geht.
„Mir fehlt Nähe.“
„Ich fühle mich nicht mehr gesehen.“
„Ich habe Angst, dass wir uns voneinander entfernen.“
Solche Sätze sind schwerer auszusprechen, als sie auf dem Papier aussehen.
Man macht sich verletzlich.
Man riskiert eine unangenehme Antwort.
Und man muss möglicherweise akzeptieren, dass auch das eigene Verhalten Teil des Problems ist.
Manche Menschen vermeiden genau dieses Gespräch.
Die Probleme verschwinden dadurch natürlich nicht.
Stattdessen kann die Aufmerksamkeit einer anderen Person plötzlich wie eine einfache Lösung für etwas wirken, das innerhalb der Beziehung viel schwieriger anzusprechen wäre.
Auch hier gilt für mich eine wichtige Grenze.
Eine schwierige Beziehung kann erklären, warum jemand empfänglicher für Aufmerksamkeit von außen wird.
Sie macht die Entscheidung zur Untreue aber nicht zur Verantwortung des Partners.
Probleme innerhalb einer Beziehung können zwei Menschen gemeinsam haben.
Die Entscheidung, eine vereinbarte Grenze zu überschreiten, trifft trotzdem jeder für sich.
Was ich als junger Mann über Bestätigung lernen musste

Wenn ich über dieses Thema schreibe, möchte ich nicht so tun, als würde ich Unsicherheit nur aus Büchern kennen.
Gerade als jüngerer Mann war mir die Meinung anderer Menschen wichtiger, als ich damals wahrscheinlich zugegeben hätte.
Natürlich fühlte es sich gut an, wenn eine Frau Interesse zeigte.
Ein Blick, ein Kompliment oder ein ehrliches Lachen konnten plötzlich dieses kleine Gefühl auslösen: Offenbar bin ich doch interessanter, als ich manchmal selbst glaube.
Erst später habe ich verstanden, was daran eigentlich so faszinierend ist.
Die andere Person hatte meinen Wert überhaupt nicht verändert.
Für einen kurzen Moment hatte sie mir lediglich das Gefühl gegeben, ihn selbst stärker wahrzunehmen.
Genau darin liegt für mich heute ein entscheidender Unterschied.
Wer den eigenen Selbstwert hauptsächlich aus der Aufmerksamkeit anderer zieht, braucht irgendwann immer wieder neue Bestätigung.
Ein Kompliment reicht vielleicht heute.
Morgen sucht man erneut nach diesem Gefühl.
Irgendwann wartet man nicht mehr darauf, sondern beginnt unbewusst oder sogar bewusst, Situationen zu schaffen, in denen man es wiederbekommt.
An diesem Punkt liegt das eigentliche Problem längst nicht mehr bei der Person, die einem Aufmerksamkeit schenkt.
Viel interessanter ist die Frage, warum diese Aufmerksamkeit überhaupt so wichtig geworden ist.
Vielleicht fehlt gerade Selbstvertrauen.
Vielleicht läuft es im Beruf schlecht.
Vielleicht fühlt man sich in der eigenen Beziehung nicht mehr gesehen.
Oder man möchte sich einfach beweisen, dass man noch immer begehrt wird.
Solche Gedanken machen einen Menschen nicht automatisch untreu.
Entscheidend ist, was danach passiert.
Heute versuche ich deshalb viel genauer darauf zu achten, warum mir bestimmte Formen von Aufmerksamkeit guttun.
Natürlich freue ich mich weiterhin über Anerkennung.
Das dürfte den meisten Menschen so gehen.
Doch nicht jedes gute Gefühl, das uns ein anderer Mensch gibt, muss verfolgt werden.
Anziehung entsteht.
Was wir daraus machen, liegt bei uns.
Genau hier beginnt für mich Selbstkontrolle.
Sie bedeutet nicht, niemals Versuchung zu spüren oder innerhalb einer Beziehung plötzlich für alle anderen Menschen blind zu werden.
Vielmehr zeigt sie sich in den kleinen Entscheidungen, lange bevor überhaupt von einer Affäre die Rede sein kann.
Vertiefe ich diesen Kontakt bewusst?
Warte ich bereits auf die nächste Nachricht?
Suche ich Gelegenheiten, dieser Person wieder zu begegnen?
Würde ich mich genauso verhalten, wenn meine Partnerin direkt neben mir stünde?
Gerade die letzte Frage kann unangenehm ehrlich sein.
Sobald ich beginne, etwas bewusst zu verheimlichen, weiß ich meistens längst, dass eine Grenze erreicht ist.
Was ich bei meinen Freunden beobachtet habe

Auch Gespräche und Erlebnisse in meinem Freundeskreis haben meine Sicht auf dieses Thema verändert.
Über die Jahre ist mir aufgefallen, dass Männer mit Aufmerksamkeit und Anziehung vollkommen unterschiedlich umgehen.
Einige suchen besonders dann Bestätigung von Frauen, wenn sie selbst gerade an sich zweifeln.
Beruflicher Frust, Probleme in der Beziehung oder eine Phase mit wenig Selbstvertrauen können den Wunsch verstärken, von jemand anderem gesehen und begehrt zu werden.
Die Aufmerksamkeit einer neuen Person fühlt sich in solchen Momenten fast wie ein kleiner Schub für das eigene Ego an.
Für kurze Zeit scheint alles leichter.
Das eigentliche Problem verschwindet dadurch allerdings nicht.
Andere Männer reagieren auf ähnliche Situationen völlig anders.
Auch sie bemerken, wenn eine Frau attraktiv ist.
Auch ihnen gefällt vielleicht ein Kompliment oder ein Flirt.
Trotzdem entscheiden sie sich irgendwann bewusst dafür, nicht weiterzugehen.
Dafür braucht es keine dramatische Szene und keine große Liebeserklärung.
Mitunter reicht es, eine Nachricht nicht weiterzuführen oder eine Situation zu vermeiden, von der man längst weiß, in welche Richtung sie sich entwickelt.
Diese Unterschiede finde ich wesentlich interessanter als die Behauptung, Männer seien einfach von Natur aus untreu.
Zwei Männer können dieselbe Anziehung empfinden und trotzdem vollkommen unterschiedliche Entscheidungen treffen.
Der eine sucht den nächsten Kontakt.
Der andere zieht eine Grenze.
Deshalb glaube ich heute weniger denn je an den Satz: „Männer sind eben so.“
Warum verlassen Männer ihre Partnerin nach einer Affäre nicht?

Wenn ein Mann fremdgeht, entsteht schnell die Frage: Wenn er etwas außerhalb seiner Beziehung sucht, warum trennt er sich dann nicht einfach?
Genau hier liegt einer der größten Widersprüche rund um Untreue.
Eine Affäre bedeutet nämlich nicht automatisch, dass jemand sein bisheriges Leben gegen ein neues eintauschen möchte.
Für manche Männer erfüllt das Fremdgehen einen bestimmten Wunsch, während die bestehende Beziehung weiterhin für Liebe, Nähe, Sicherheit und Vertrautheit steht.
Das macht ihr Verhalten nicht fairer, erklärt aber, warum Affäre und Trennungswunsch nicht zwangsläufig dasselbe sind.
Nach vielen gemeinsamen Jahren besteht eine Partnerschaft außerdem aus weit mehr als romantischen Gefühlen.
Gemeinsame Erinnerungen, Freundschaften, Gewohnheiten, vielleicht Kinder und ein Zuhause verbinden zwei Menschen auf vielen Ebenen miteinander.
All das aufzugeben, ist eine vollkommen andere Entscheidung als ein heimlicher Flirt oder eine Affäre.
Hinzu kommt die Angst vor dem, was danach kommt.
Wie sieht mein Leben ohne diesen Menschen aus?
Was passiert mit unserer Familie?
War es wirklich das wert?
Solche Fragen können plötzlich sehr real werden, sobald die bisher sichere Beziehung tatsächlich auf dem Spiel steht.
Bei anderen spielt Gewohnheit eine große Rolle.
Das vertraute Leben vermittelt Sicherheit, selbst wenn innerhalb der Beziehung längst nicht mehr alles funktioniert.
Eine Affäre kann dann Aufregung bieten, ohne dass der Mann bereit ist, auf diese Sicherheit zu verzichten.
Problematisch wird es, wenn jemand versucht, dauerhaft beide Welten zu behalten.
Zu Hause wartet die vertraute Partnerschaft.
Außerhalb davon gibt es Aufmerksamkeit, Spannung oder Bestätigung.
Solange niemand eine Entscheidung verlangt, kann dieses Modell für den untreuen Partner bequem erscheinen.
Für die betrogene Person ist es alles andere als bequem.
Auch Schuldgefühle können dazu führen, dass ein Mann nach einer Affäre noch stärker an seiner Beziehung festhält.
Plötzlich wird ihm bewusst, was sein Verhalten auslösen könnte.
Aus einer heimlichen Entscheidung wird die reale Möglichkeit, einen Menschen zu verlieren, der vielleicht seit vielen Jahren zu seinem Leben gehört.
Reue allein reicht allerdings nicht aus.
Ob jemand seine Beziehung wirklich retten möchte, zeigt sich meiner Meinung nach erst an dem, was danach passiert.
Verantwortung übernehmen ist etwas anderes, als lediglich Angst vor den Konsequenzen zu haben.
Was passiert psychologisch hinter der Untreue?

Bei all diesen Gründen fällt etwas auf.
Hinter demselben Verhalten können vollkommen unterschiedliche Bedürfnisse stehen.
Genau deshalb halte ich pauschale Aussagen über untreue Männer für wenig hilfreich.
Ein Mann sucht vielleicht Bestätigung, weil sein Selbstwert gerade angeschlagen ist.
Bei einem anderen steht die Sehnsucht nach Neuem im Vordergrund.
Jemand anderes fühlt sich emotional von seiner Partnerin entfernt, hat aber nie gelernt, darüber offen zu sprechen.
Wieder ein anderer genießt schlicht eine Gelegenheit und setzt keine Grenze, obwohl er genau weiß, dass er es tun sollte.
Von außen sehen diese Geschichten ähnlich aus.
Psychologisch können sie völlig verschieden sein.
Eine kleine Übersicht macht diesen Unterschied besonders deutlich:
Keiner dieser Auslöser führt zwangsläufig zu Untreue.
Genau das ist für mich der entscheidende Punkt.
Zwischen einem Bedürfnis und einer Handlung liegt immer noch ein Raum, in dem wir Entscheidungen treffen können.
Fremdgehen ist keine männliche Eigenschaft

Vielleicht ist das der Satz, den ich bei diesem Thema am wichtigsten finde.
Untreue ist keine Charaktereigenschaft, die automatisch zum Mannsein gehört.
Trotzdem begegnen uns erstaunlich häufig Sätze wie „Männer brauchen Abwechslung“, „Männer können Liebe und Sex besser trennen“ oder eben das klassische „Männer sind einfach so“.
Früher habe ich über manche dieser Aussagen weniger nachgedacht.
Heute stört mich daran vor allem, wie bequem sie sein können.
Wer sein Verhalten mit seinem Geschlecht erklärt, muss sich viel weniger mit den eigenen Entscheidungen beschäftigen.
Doch Männer sind nicht alle gleich.
Unsere Erfahrungen unterscheiden sich.
Unser Selbstwert unterscheidet sich.
Unsere Vorstellungen von Treue, Nähe und Beziehungen unterscheiden sich ebenfalls.
Vor allem aber unterscheiden wir uns darin, wie wir mit Versuchungen und unseren eigenen Bedürfnissen umgehen.
Deshalb würde ich einen Mann nach einer Affäre weniger fragen, ob er seine Frau noch liebt.
Eine andere Frage verrät möglicherweise viel mehr.
Warum hast du dir erlaubt, eine Grenze zu überschreiten, obwohl du wusstest, was du damit riskierst?
Die Antwort darauf kann unangenehm sein.
Aber genau dort beginnt meiner Meinung nach die ehrlichere Auseinandersetzung mit Untreue.
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Hinweis
Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und persönlichen Reflexion.
Die beschriebenen psychologischen Zusammenhänge können mögliche Erklärungen für menschliches Verhalten liefern, treffen jedoch nicht auf jeden Menschen oder jede Beziehung gleichermaßen zu.
Der Beitrag ersetzt keine psychologische, therapeutische oder partnerschaftliche Beratung.
